Ein magischer Abend mit Herb Ritts und einer Jazzpianistin

Der Plan war Folgender: um 19 Uhr zur Sonderführung in die Galerie Camera Work zur Ausstellung von Herb Ritts, danach zu einer Strandbar in Mitte und um 21:30 Uhr zur Jam-Session ins Schlot.
Alles prima – mit dem kleinen Haken, dass es schon fast 18:30 Uhr war, als ich mir das überlegt habe. Ein Blick auf meine POI-Karte zeigt, dass ich zu Camera Work viel einfacher über eine andere U-Bahn-Linie komme, als die, die ich sonst genommen habe, zumal auf der auch noch wegen einer Baustelle Ersatzverkehr ist und 2x zusätzlich umgestiegen werden muss.

Also los. Ich steige statt wie sonst am Zoologischen Garten, an der Haltestelle Uhlandstrasse am Kurfürstendamm aus. Die Abendsonne wirft langsam ihr warmes, goldenes Licht über die Szenerie. Irgendwie gefällt es mir hier. Ich laufe durch die Fasanenstrasse nach Norden zur Kantstrasse. Entdecke ein paar nette Restaurants in den Bögen unterhalb der S-Bahn und stehe dann direkt vor dem Theater des Westens.

„Pünktlich“ um 19:05 Uhr treffe ich bei Camera Work ein und die Führung hat gerade begonnen – viel habe ich nicht verpasst. Uffff.

Das Camera Work ist ein besonderer Ort. Es ist ein Hinter-Hinter-Hinterhaus das direkt neben der S-Bahn-Linie liegt.  Das Gebäude war ursprünglich mal eine Remise. Gigantisch hohe Räume und Fenster. Ideal für großdimensionale Kunstwerke.

Als ich das letzte und erste Mal da war und alles von der direkt dahinter vorbeifahrenden Bahn bebte, dachte ich noch, das sei irgendeine besondere Soundinstallation, bis ich danach vor dem Gebäude stand und die S-Bahn dahinter fast aus dem Haus herauszufahren schien.

Das beeindruckste Werk der Ausstellung sind zweifellos die 4 jeweils ca. 1,5 x 2,5m großen Portraits von Jack Nicholson als Joker. 4 überzeichnete Fratzen für – ich glaub es waren 170.000 Euro. Schon verkauft. Wer sich das ins Wohnzimmer hängt, dürfte wohl den einen oder anderen seltsamen Traum haben.
Der Rest der Ausstellung ist je nach Geschmack definitiv auch sehenswert.

Ich laufe den selben Weg zurück, mache ein paar Fotos und verschwinde in der U-Bahn. An der Station Oranienburger Tor in der Friedrichstrasse angekommen bereue ich es, dass ich mir den Weg zur Strandbar nicht rausgesucht habe. Eigentlich sollte es ganz einfach sein. Ein Stück nach unten und dann ein Stück nach rechts. Ich werfe meine Navigationskrücke an und stelle fest, dass ich auch den Wegpunkt nicht abgespeichert hatte. Mist.

Ich erinnere mich an das Dada Falafel. Eine Art Imbiss/Café/Restaurant mit „feinen orientalische Köstlichkeiten“, welches direkt an der nächsten Kreuzung liegt. Abendessen. Eine großartige Idee. Damit kann ich die Zeit bis zur Jamsession überbrücken.

Ich mustere kurz die getrennten Eingänge zum Imbiss und zur Galerie/Café. Im Café steht direkt am Eingang ein Klavier und… es spielt und singt jemand. Ich bleibe kurz stehen und lausche den Klängen. Ist das ein Konzert? Eine Probe? Keine Ahnung, aber es klingt gut. Ich bestelle mir nebenan erstmal den „Dada Teller ohne Fleisch“. Alles geht schnell, aber die Achtsamkeit mit der die Bedienung alles auf dem Teller arrangiert, lässt trotz der Routine eine gewisse Liebe zur Arbeit und dem Essen vermuten. Ich arbeite mich draussen mit Falafel, Brot und Salat durch Soßen und Pasten die ich leider noch nie gegessen habe.

Ich gehe wieder rüber ins Café. Aus irgendeinem Grund verstehe ich die Bedienung nicht, während sie mir erzählt welche Teesorten sie haben. Ich nehme „den Dritten“ – ein Yogi-Tee. Gute Wahl, wie ich dann merke. Ich setze mich 2 Tische weiter neben die Pianistin und… höre zu…

In Washington gab es vor einiger Zeit ein Experiment. Ein Weltklasse-Violinist spielte verkleidet als Strassenmusiker in einer U-Bahn, nachdem er am Abend zuvor vor einem ausverkauften Konzertsaal gespielt hat. Kaum einer der Passanten hat erkannt, was da passierte. „Nur ein weiterer Musiker in der Metro“.

Nach 2 Schluck Tee komme ich mir vor wie in so einem Experiment, denn das was da gerade läuft, ist ganz und gar nicht „gewöhnlich“ – ganz im Gegenteil. Das Spiel und der Gesang sind großartig. Leider oder Gott sei Dank bin ich, bis auf 4 ältere Damen die sich im hinteren Bereich ein Bier gönnen, der einzige Gast. Das erste Lied, das ich vollständig gehört habe, ist vorbei. Ausser mir applaudiert niemand. Bin ich im falschen Film? Noch mehr unachtsame „Passanten“? Die Pianisten bedankt sich mit einem Kopfnicken und einem Lächeln.

Ich höre weiter zu. Eigentlich wollte ich zur Jamsession ins Schlot, aber das hier klingt irgendwie viel besser. Über Musik zu reden, ist so, als würde man zu Architektur tanzen. Ich kann das nicht wirklich gut, deshalb lasse ich es.

Das Glas Tee ist nun leer, ich bringe es zum Tresen und setze mich neben die Musikerin. Suche nach Worten und versuche irgendwie annähernd auszudrücken, wie sehr mir das hier gerade gefällt. Ok, das mit den Komplimenten muss ich noch üben.
Wir unterhalten uns einen Augenblick. Sie ist heute zum ersten Mal hier, hatte den Flügel gesehen und sich den Termin reserviert. Auf dem Flügel liegen ein paar Flyer. Annette Wizisla heißt sie.
Ich lese weiter: 1. Preis beim Bundeswettbewerb „Jugend Jazzt“. Preisträgerin beim Europäischen Festival für Klavierimprovisation. Gastprofessur für Jazz in Kolumbien. – Hola die Waldfee!

Ich erzähle ihr von meiner Suche nach einem Musik-Einstiegscoaching und sie sagt mir, dass das Klavier dafür natürlich ideal sei und sie sowas auch anbietet.
Sie spielt weiter. Ich bestelle mir noch einen Tee und höre weiter zu…

Love for Sale

Inzwischen sind noch ein paar Gäste dazugekommen, die – nach dem Applaus zu urteilen – auch großen Gefallen an dem Auftritt finden. Frau Wizisla scherzt während sie Brubecks „Take Five“ spielt mit der Bedienung, dass jetzt von ihr die Tanzeinlage kommen solle. Ich sage ihr, dass das im Trinkgeld eigentlich mit drin sein müsste. Sie lacht, weigert sich zwar, verteilt aber weiter neben Getränken und Essen ihre gute Laune und ihr Lächeln im Raum.

Ich werfe noch kurz einen Blick auf den restlichen Teil des Cafés,  welches auch eine Galerie ist.

Dann bedanke ich mich bei Frau Wizisla für den schönen Abend und sage ihr, dass ich mich morgen bei ihr melden werde. Sie fragt mich noch nach meinem Namen, wir verabschieden uns und ich verschwinde mit „Saving all my love for you“ im Ohr in der Nacht.

Nachtrag: wenn Dir das auch so gut gefällt wie mir, kannst Du sie jeden Donnerstag ab ca. 20 Uhr im Dada Falafel in Berlin-Mitte spielen und singen hören.

Inzwischen hat sie auch eine Website: AnnetteWizisla.com

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3 Antworten zu Ein magischer Abend mit Herb Ritts und einer Jazzpianistin

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