Allrad auf Russisch und Hot Dogs an der Talsperre

Es ist ein viel zu kalter Tag Ende Juli. Das Experiment in der kleinen Stadt an der Spree ist gerade einen Monat her und ich komme mit meine Plänen nicht vorwärts. Oder lasse mich nicht vorwärts kommen. Mein Handy klingelt: er ist jetzt da und wartet draußen. Christian holt mich auf eine kleine Spritztour ab.

Nach langem Hin- und Her hatte sein Arbeitgeber sich durchgerungen einen neuen Geländewagen anzuschaffen. Aber nicht irgendeinen. Was auf mich wartet, gleicht einer kleinen Zeitreise. Zurück in eine Ära, als der eiserne Vorhang noch für Klarheit in den Köpfen gesorgt hat, Autos noch mit verbleitem Benzin fuhren und im Großen und Ganzen die Welt noch in Ordnung bzw. genauso kaputt wie heute war – nur aus anderen Gründen.

Vor der Tür steht ein Lada Niva in einem Grün, welches wohl die Träume vieler Förster eintüncht. Die Farbliste des Herstellers kennt Balsamgrün, Seegrün und das hier ist Taigagrün. Ich finde „Russian Racing Green“ klingt fetziger.

Ich gehe vorne um die kantige, hohe Motorhaube herum und öffne die Beifahrertür. Der Türgriff hat noch das selbe Design wie vor 20 oder 30 Jahren! Der Niva hier ist neu. Ein Oldtimer frisch aus der Fabrik.

Während ein Golf aus der kleinen Wolfsburger KFZ-Manufaktur das x-te Redesign und Facelift erfahren hat, dabei auf der Evolutionsstufe eines glattgelutschten Klumpens mit genauso viel Charisma angekommen und zwei Einkommensschichten höher gewandert ist, hat sich an dem Niva so gut wie gar nichts geändert.
Damit die Ladekante niedriger wird, wurden die Rückleuchten mal von Quer- auf Hochformat gedreht. Die Motoren wurden mit ansatzweise aktueller Technik ausgestattet.
Irgendwie haben es die Russen geschafft damit eine gültige Abgasnorm zu bekommen. Wie genau ist wohl ein Geheimnis. Ich vermute es hat was mit Nutten oder Drogen oder ganz viel Geld zu tun. Danach müsste dann auch eine Sojus-Rakete die Euro-5 Norm erfüllen. Ansonsten ist der Niva genauso wie immer. Genauso alt.

Ich steige hinauf auf den Beifahrersitz und wir begrüßen uns. Es ist mein Geburtstag. Fahren wir also zur Feier des Tages auf ein Hotdog zur Talsperre.

Zwischen Ungläubigkeit und Faszination schwankend, wandert mein Blick durch den Innenraum. Das ist ein Neuwagen. Ich komme mir aber vor, als wäre ich gerade als 5jähriger Knirps in kurzen Lederlatzhosen aus dem Trabant meines Opa aus- und in ein anderes Auto eingestiegen. Kein Unterschied!
Plastikabdeckungen haben hier nur eins: Funktion. Abdecken. Da sind Schrauben. Gut sichtbar. Kann man rausdrehen und das Teil abnehmen. Kein neumodisches Plastiknippelhaltegefitzel das bei der behutsamen Demontage abbrechen würde und nachbestellt werden müsste.

Wir machen uns auf den Weg. Christian erklärt mir, dass wir die Fenster lieber einen Spalt offen lassen. Das Plastik würde furchtbar ausdünsten und was da aus der Lüftung käme, würde auch nicht gerade gesund riechen. Ich merke bzw. rieche nichts, bin aber einverstanden und sowieso aus dem Häuschen.

Christian und Autos – das ist so eine Sache für sich. Wenn jemand ein Buch darüber schreiben würde, hätte es den Titel „The Art of mindful Driving“.
Er fährt wie ein 70jähriger, der nie im Leben ein Ticket bekommen oder einen Unfall verursacht, kilometermässig aber 10 mal die Erde umrundet hat. Nicht das er dabei etwa langsam wäre. Keineswegs. Wenn er in Stimmung ist, das Fahrzeug und die Bedingungen es ermöglichen, dann zieht er durch die Kurven wie ein heißes Messer durch ein Stück Butter. Aber heute fahren wir „gemütlich“.

Egal ob es ein Audi aus den 80ern, ein japanischer Roadster aus den 90igern oder eben ein fabrikneuer Russe ist – Fahrzeuge erhalten von ihm eine ganz besondere Art von Zuwendung und Aufmerksamkeit. Er ist entweder der beste Freund oder ärgste Feind eines KFZ-Mechanikers. Ich haue natürlich den Walter Röhrl Spruch raus:

„Man kann ein Auto nicht wie ein menschliches Wesen behandeln – ein Auto braucht Liebe“.

Und jetzt fahren wir zusammen rauf in die Harzer Berge zur Talsperre. Hotdog essen. Den selben Weg, bin ich mit meinem MX-5 unzählige Male gefahren. Die Strecke liegt direkt vor meiner Haustür. Einmal rechts abbiegen, noch ein paar 100m geradeaus durch die Stadt und dann Kurven, Berge.

Wenn man möchte, ist es ein netter Umweg, um auf einem eigentlich kurzen Weg in der Stadt etwas Spaß zu haben. Am einen Ende der Stadt raus. Das Tal rauf in den Gebirgsausläufer hinein und nebenan wieder runter. Wenn man Glück hat – zu bestimmten Tageszeiten – ist die Strecke völlig frei. Hatte ich schon die Kurven erwähnt?

Aber wir sitzen hier in einem Lada Niva und der Fahreindruck im Vergleich zu einem heckgetriebenen 2sitzigen Cabrio könnte logischerweise kaum unterschiedlicher sein. Es scheint fast so, als würden wir nicht den Berg hinauf fahren, sondern der Wagen den Berg unter sich mit dem restlichen Planeten dran einfach wegdrehen. Ja – der Niva ist der Chuck Norris unter den Geländewagen!

Christian bewegt den knarzigen Russen behutsam. Jah nicht zu hoch drehen! Er muss ja noch eingefahren werden und wegen der Garantie darf der Service auch nur vom „Lada-Fachmann“ gemacht werden. Das ist bei uns ein Laden, in dem ich nicht mal einen wartungsfreien Rasenmäher zur Inspektion geben würde.

Wir haben den größten Höhenunterschied überwunden und fahren weiter durch einen eher hügeligen hochebenen-artigen Teil des Harzes. 2… 3 Ortschaften, Dörfer… nein, falsch – eins davon ist sogar eine „echte Stadt“. Hier kommen Leute zum Wandern hin. Busse karren Touristen ran, die Höhlen besuchen oder irgendwo ein Stück Erdbeertorte mit Sahne essen und Kaffee trinken und dann wieder nach Hause fahren.

Es ist der abgelegene Teil der idyllischen Provinz. Einheimische jüngeren Semesters, denen Wandern allein zu uncool ist, spielen eine moderne Variante der Schnipseljagd: Geocaching.
Die Idylle wird eigentlich nur von Bikern und dekadenten Spassautofahrern wie mir unterbrochen. Letztendlich vereint uns die Freizeitgestaltung. Die einen werden irgendwohin gefahren um dort dann zu sein und was zu machen, die anderen fahren irgendwohin um… zu fahren und dort zu sein und evtl. etwas zu machen.

Es geht ein Stück bergab und wir biegen auf den Parkplatz vor dem Tunnel ein, an den sich die Staumauer anschliesst. Für das eher bescheidene Sommerwetter ist noch erstaunlich viel los. Christian parkt den Niva und klärt mich währenddessen über die Eigenheiten des Getriebes auf. Der Rückwärtsgang wäre nämlich nicht synchronisiert – es könne also passieren, dass man ihn das nächste Mal nicht oder nur schwer einlegen könne, wenn das Getriebe gerade „an der falschen Stelle steht“. Entweder es ist ausreichend Platz vorne, um etwas zu rangieren oder es gäbe ein Problem. Angesichts der vielleicht 10cm hohen Bordsteinkante, die 2 Parkreihen trennt und der Bodenfreiheit des Nivas, mache ich mir darüber keine Sorgen.

Während wir auf die frisch zu bereiteten Würstchen im Brötchen warten, machen wir es uns unter einem Imbisschirm so gemütlich, wie es an einem kalten Juli-Tag eben geht. Mir ist kalt und ich vermisse meine Winterjacke. Ich erzähle ihm von meinen jüngsten Erkenntnissen und Fehlschlägen in der „Optimierung meines Workflows“ und den potentiell anstehenden Veränderungen bei mir. Wie sehr mir das ständige „Online und Internet“ mit Werbung und all den Querverweisen auf die Nerven gehe und konzentriertes Arbeiten ohne Ablenkung zum Kraftakt macht.

Ich meine, wenn sich selbst ein eCommerce-Pionier wie Paul Graham dazu bekennt und sich einen separaten Internet-Rechner hingestellt hat, um bei der Arbeit nicht „vom Internet“ abgelenkt zu werden, ist das für mich durchaus ein denkbares Szenario. Dummerweise lese ich später sein Update, dass die Strategie für ihn nicht auf Dauer funktioniert hat – Mist.

Die Wirtin bringt uns die Snacks. Christian ist hier im Umkreis von 20km mit jedem Gastronomen per Du. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte man annehmen, er wäre bei der Mafia. Aber dazu sind alle irgendwie zu glücklich.

Er ermahnt mich, dass ich das mit der Ablenkung durch Links aber auf meinen Seiten ja genauso machen würde. Na klar mache ich das genauso! Ich bin Drogenlabor, Dealer, Junky und Priester in einem. Content, Pageviews, Haltezeiten, Adclicks, ROI – darauf kommt es an! Die pixelige Welt des Internets.

Mein inzwischen so feiner Bullshit-Radar müßte blinken und ganz laut Alarm schlagen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich den schrillen Signalton zu lange ignoriert und es macht mir Angst, wie ernst Leute wie ich das alles nehmen.  Was ist wirklich wichtig?
Wir könnten jetzt über unsere Handys bei Facebook unsere „Freunde“ darüber informieren, dass wir gerade an der Talsperre sind. Tun wir natürlich nicht. Wichtig ist, dass wir gerade hier sind, zusammen Hot Dogs essen und Schwarzen Tee und Cola trinken.

Ein ungeladener dritter Gast gesellt sich zu uns an den Tisch: es ist die unangenehme Frage, ob das was da ständig soviel Aufmerksamkeit auf sich zieht – der ganze moderne Schnick-Schnack – nun eher Richtung nützliches Werkzeug oder gigantische Verschwendung von Lebenszeit tendiert.
Wieviel davon ist noch gut oder normal? Ein Leben ohne „Online“? Oder mit viel weniger? Eine analoge Entscheidung in einer digitalen Realität. Wie ist das eigentlich offline zu sein? Ich male mir eine Pseudo-Offline-Phantasie in einer vernetzten Online-Welt aus und versuche mich daran zu erinnern, wie das früher war, als man sich noch in das Netz „eingewählt“ hat und die ganze restliche Zeit nur ein begrenztes, statisches System vor sich hatte.

Es erscheint mir ironisch, dass wir hier gerade mit einem Auto hergefahren sind, dessen „Bordcomputer“ sich laut Handbuch auf die Anzeige der Temperatur und Batterie-Spannung beschränkt. Die Karre hat nicht mal ein Radio das MP3-Dateien abspielen könnte – nämlich gar keins! Wir sind 2 Internet-Yuppies die zu einem Lada Niva passen, wie eine zierliche Blondine zu einem Wrangler Jeep.

Langsam dämmert mir, worum es hier geht. Es sind unsere menschlichen Grenzen – es sind meine Grenzen. Der Niva hat überlebt und dabei zeitliche und räumliche Grenzen überwunden. Dabei ist er das geblieben was er immer war: Arbeitsgerät, Werkzeug.
Die Karre ist unbequem, laut, häßlich und der beste Geländewagen für unter 10.000 Euro! Natürlich kann mit ihm nicht wie mit einem Touareg inkl. belandenem Anhänger mit 160 über die Autobahn brettern.

In einer Welt mit unendlichen Möglichkeiten, unendlichen vielen Informationen, in der das gesamte Wissen der Welt in ca. 6,4 Mausklicks erreichbar ist und es theoretisch jede Jeans in jeder Größe, jeder Farbe, jeder Waschung und jedem Schnitt irgendwo zu kaufen gibt… da fehlen Grenzen.
Es wundert mich nicht mehr, dass ich in meiner Aufgabenorganisation immer wieder auf Papier zurückfalle. Für die Apple-User: nein, das ist keine „App“!
Ein Blatt Papier stellt eine sehr natürliche Grenze dar. Auch die läßt sich sehr weit hinausschieben, aber allein durch Menge, Fläche und Gewicht werden praktikable Grenzen gesetzt. Meine Aufgabenplaner im PC erlauben endlos viele Projekte mit endlos vielen Einträgen. Irgendwie ist es befriedigender, eine erledigte Aufgabe auf Papier durchzustreichen oder abzuhaken, anstatt im Rechner „wegzuklicken“.

In welchem Kontext Grenzenlosigkeit nun unzufrieden oder glücklich macht, ist wohl eine individuelle Frage. Zu enge Grenzen und der Mangel an Freiheit kann genauso unzufrieden machen wie zuviele Optionen mit dem Streben nach der einen vermeindlich Perfekten. Was aber macht zufrieden und glücklich? Z.b. mal mit einem Freund ein Hot-Dog essen.

Es wird Zeit, dass wir uns auf den Rückweg machen. Christian lädt mich ein und bezahlt mein Geburtstagsmenü. Die Wirtin läßt sich nur unter Nachdruck dazu bewegen das Geld anzunehmen. Wie war das mit der Mafia?

Ich darf jetzt fahren und frage noch, ob es denn der direkte Weg sein müße. Ja muß sein! Zusammen sind wir wohl die meiste Zeit nie den direkten Weg irgendwohin gefahren. Die Eingangs erläuterten Umwege. Aber gut, eine Probefahrt mit einem geliehenen Firmenwagen – da will ich mal nicht so sein. Ich mache noch ein paar Fotos und wir steigen ein.





Die Räder im Getriebe stehen an der richtigen Stelle – der Rückwärtsgang geht sauber rein. Der kleine monstertruckmässige Stunt über die Parkplatzabtrennung entfällt leider. Ich rangiere den Niva vorsichtig über den Parkplatz zur Ausfahrt – die Strasse ist frei.

Obwohl der kleine Vierzylinder nur knapp über 80 PS leistet, fühlt sich das nach mehr Kraft als die 80PS in meinem Alltagsauto an. Der Niva ist eben noch eine echte Maschine.
Ich schalte die Gänge weiter hoch und gebe zügig Gas. So wie ich das immer mache, wenn ich mal ein Auto „neu erfahre“. Vom Beifahrersitz kommt prompt die freundlich, bestimmte Ermahnung: dreh den mal nicht so hoch! Achja, richtig. Einfahren. Stimmt ja. Auch eine Grenze die es einzuhalten gilt. Vorsichtig fahre ich bergab in die engen Kurven hinein. Allrad ist da irgendwie erstmal ungewohnt.

Zurück zu Hause werfen wir noch einen Blick unter die Motorhaube. Ich dachte der Motor käme von einem französischen Hersteller – laut Wikipedia trifft das aber nur auf ältere Dieselmodelle zu.

Wir verabschieden uns. Ich gehe rein. Der Rechner ist noch an und natürlich „online“…

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5 Antworten zu Allrad auf Russisch und Hot Dogs an der Talsperre

  1. Sebastian schreibt:

    Schöner Text. Ich glaube, ich brauche einen Kindle. Den ohne 3G 😉

    • Martin schreibt:

      Danke. Vielleicht schaffe ich es noch für die lesefaulen ADSler einen Podcast draus zu machen 😉
      Auf einen eReader bin ich auch scharf… aber mindestens Taschenbuchseitengröße sollte das Display dann schon haben.

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