Image-Probleme

Es ist ernst. Wenn ich das nächste Mal für einen „Studenten“ gehalten werde, gibt es genau 2 Möglichkeiten. Entweder ich laufe schreiend davon oder ich behaupte standfest mit dem Brustton der Überzeugung, dass ich meinen M.A. in zeitgenössischer Pornografie bei Professorin Ivana Fukalot gemacht habe.

Da ich diese Woche schon Joggen war, könnte meine Entscheidung das nächste Mal auf die linguistische Aikido-Taktik fallen – dieser Moment der totalen Verwirrtheit, wenn ich mein Gegenüber voll bestätige bevor es überraschend „zu Boden fällt“ – einfach köstlich.

Richtig, ich bin Student. Ich studiere Parapsychologie und der alte Schamane hat mir strengstens verboten Alkohol zu trinken, weil ansonsten meine übersinnlichen Fähigkeiten ausser Kontrolle geraten könnten! Oh. Oh.

Und das nachdem ich erst kürzlich von jemandem als IT-Experte „beschimpft“ wurde. Ich bin zu tiefst gekränkt ob dieser verurteilenden Natur der Gesellschaft. Ja genau, ich bin vermutlich der weltweit einzige IT-Experte der bis 2010 noch Windows 98 als Betriebssystem (das ist das, was immer abgestürzt ist!) verwendet hat – und sehr zufrieden damit war 😉 So völlig verkehrt ist das ja gar nicht. Ich mache gelegentlich schon mal was mit Medien.

Ts. „Student“. (Bitte gedanklich äusserst abfallenden Tonfall berücksichtigen!)
Ich würde so jung aussehen.  Interessante Assoziationskette… geschätztes Alter irgendwas zwischen 20 und 30 = Student.
Aber es könnte mehr gewesen sein. Mein 3-7-Tage-Bart? Mein gelb-blaues Karo-Hemd? Meine eleganter, zeitloser Chronograph von Casio mit Plastikarmband?
In einem Skype-Gespräch vor einigen Monaten, meinte ein Freund zu mir, ich würde aussehen wie „M., der Künstler aus Berlin“ – ob des schwarzen Rollkragen-Pullovers wegen. Was soll ich sagen… ich mag’s halt warm am Hals (finde diese trendigen Männerschals aber total schwul), alle verfügbaren Farben fand ich scheisse und schwarz ist wenigstens kompatibel.

Ich finde dieses gedankliche Experiment – wie müsste ich mich kleiden, um in einer bestimmten Weise (oder auch nicht) wahrgenommen zu werden – gerade sehr amüsant und spannend, denn die Schubladisierung funktioniert scheinbar äusserst zuverlässig und automatisch.

Ich glaube ich brauche soetwas wie eine „Tarnkappe“ – den ultimativen gesellschaftlichen Image-Brainfuck, damit mich die Leute mit ihren verinnerlichten Rollen und Bildern in Ruhe lassen.

Vielleicht spiele ich das nächste Mal aber auch einfach eine Runde „Was bin ich?„.

Wie „offset“ mein eigenes Urteilssystem in dem Bezug ist, hätte ich letztens schon feststellen können. Ich fuhr mit dem Auto auf der Kurfürstenstrasse und musste an einer Ampel halten. Mir fiel eine nicht unattraktive, junge Dame (bestimmt Studentin!) am Gehwegrand auf, die wohl auf jemanden wartete und – so dachte ich mir – selbst für Berliner Verhältnisse, ausgesprochen mmmh… provokant, gekleidet war. Was soll’s – hier hat jeder ’nen anderen Knall. Dachte ich mir. Einige Meter weiter, stand die Nächste, die scheinbar vom selben Style-Consultant beraten wird und noch ein Stück weiter die Nächste, und die Nächste. Alle recht nah am Strassenrand. Nunja. Es gibt wohl viele Studentinnen in Berlin.

Auf dem Rückweg von der Veranstaltung mit anfangs angedeuter Begegnung, sass ich in der U-Bahn einer älteren Frau gegenüber: knallroter tülliger Schlabberhut, kunterbunter neonfarbener Glitzer-Schal aus Plastikgefitzel und gut abgeranzte Joggingschuhe in Silber und Blau. Jepp! Die hat’s drauf! Ist bestimmt Studentin, oder Vorstandsvorsitzende einer grossen Berliner Dönerbuden-Kette oder Bordellbesitzerin.

So. Die Luft ist raus.

Das nächste Mal sage ich einfach: ja, ich bin Student, ja ich bin IT-Experte. Ach übrigens: ich trinke nicht, ich rauche nicht und ich lüge wie gedruckt. Und nun stell deine Maske in die Ecke und lass mich tiiiiieeeef in dein Innerstes blicken!

Ich bin.

Dieser Beitrag wurde unter Stories abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Image-Probleme

  1. > gibt es genau 2 Möglichkeiten

    Aber nur eine Antwort:

    Ich bin, was immer Du willst. Und jetzt zieh Dich aus!

  2. Anita schreibt:

    Man empfängt die Leute nach ihren Kleidern und entlässt sie nach ihrem Verstand.
    (Deutsches Sprichwort) Herr… ? Na was jetzt wohl? 😉

  3. Sebastian Fiebiger schreibt:

    @Anita

    Geiler Spruch! Den klau ich mir für mein Blog. Merci!

  4. Pingback: Alte Muster hinter der Fassade | Resident on Planet Earth

  5. Pingback: Testfotos Tele-/Portrait-Objektiv 85mm | Resident on Planet Earth

  6. Pingback: Endlich: mein Artist Statement! | Resident on Planet Earth

Sag was. Oder genieße die Stille...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s