Alte Muster hinter der Fassade

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Die Stadt ist voller Personen [1]. Hier und dort gibt es auch ein paar echte Menschen.

Ich laufe am späten Nachmittag durch die feuchte Luft. Spontanes Treffen in dem Café. Dem ’noch vor dem Blumenladen‘. Dann können wir mal reden.
Sie wartet schon und macht es sich gerade gemütlich. Leider sieht sie heute noch etwas süßer aus als sonst. Ich versuche meine Gedanken zu sammeln.

Das Gefühl, als ob mein Verstand zittert, wird langsam immer intensiver. Was ist das? Wo kommt das her? Unsicherheit. Scheissdreck. Kon-zen-tra-tion.
Smalltalk. Die Hochs und Tiefs der Tage.
Ich suche den roten Faden – irgendeinen. Da war doch mal was.
In meinem Kopf ist das immer so schön klar und präzise.
Ein paar Fetzen – besser als gar nichts.

Ich bekomme heißes Wasser ohne Tee und bestelle noch den Tee, der in das heiße Wasser gehört.
Das Thema. Was uns verbindet. Was bei mir aufgetaucht ist.
Friends with benefits: „Bevor ich wieder verletzt werde, bleibe ich lieber alleine!“
Ich will sie sehen. So und so.

Sie wünscht sich so sehr eine Beziehung – ist aber auch so gerne alleine. Nicht unbedingt ein Widerspruch für mich, aber ich bin nicht ihr Typ. Natürlich nicht.
Sie hat Sex mit einem Typen den sie nicht liebt und nennt das dann ‚eine Beziehung‘.
Warum erzählt sie mir diesen Mist jetzt? Ich hake ein. Den Du nicht liebst! Noch mal. Den Du nicht liebst! Der Schock und ihre Augen werden langsam größer.

Ich schaue durch das Café hindurch zum Schaufenster, quer über die Strasse, zu dem kleinen Suppenküchen-Bistro genau gegenüber, an dem ich so oft vorbeigegangen bin. Ich stelle es mir dort gerade sehr gemütlich vor. Das Tagesangebot: Heile Welt und ein Teller heiße Suppe. Da würde ich jetzt gerne sitzen und hierher herüber schauen. Zu dem kleinen Mädchen und dem kleinen Jungen, die gerade als Erwachsene ein ‚ernstes‘ Gespräch führen und sich mitteilen wie sie sich wahrnehmen.

Ob ich noch zuhören kann? Können. Aber will ich das noch hören? Ich wollte es ja so. Es war alles meine Idee.

Ihre Mutter sei ein „Poor me“-Typ und ihr Vater ein „Violator“-Typ. Puzzleteile drehen sich und fallen an ihren Platz im Bild.

Während ich das schreibe, bemerke ich, dass mir „ihr Typ“ schon früher – schon sehr früh begegnet ist. Das „kleine empathische Mädchen“. Immer für alle da. Immer helfend und unterstützend. So wie jetzt gerade. Ich reisse gerade ihre Fassade mit einer Abrissbirne ein und sie versucht trotzdem noch meine Unsicherheit zu beruhigen.

Eine davon hat mich mal getröstet, als ich fröstelnd und zitternd neben dem Schwimmbecken sass, in dem mich der Glatzkopf gerade fast ersäuft hat. Man nannte das damals ‚Schwimmunterricht‘. Alice Millers „Drama des begabten Kindes“ [2] – mehr als 10 Seiten davon habe ich nicht geschafft.

Was für eine Ironie, dass eine selbstbewußte, starke Frau sich mit der Fassade einer selbstbewußten, starken Frau umgibt. Und dann kommt so ein unsicherer Idiot wie ich und schaut einen Augenblick zu lang genau hin und entdeckt diese Fassade. Eine Platte hinter der sich Scham und Angst verbergen.

Die Bedienung weist uns auf den Ladenschluß hin. Wir gehen dann mal. Noch ein paar Schritte bis zur Kreuzung. Wir verabschieden und umarmen uns. Was denn mit dieser Enttäuschung sei. Nicht so wichtig – guten Nachhauseweg.

Vorletzten November hatten wir „auf das Auflösen alter Muster“ angestossen. Das haben wir nun davon.

Ich gehe durch die feuchte Luft zurück nach Hause. Mit jedem Schritt vorwärts in einem inneren Schlagabtausch. So läuft das nicht! Meine Realität! Mein Drehbuch! So eine upge****te Scheiße dulde ich nicht. Cut!

Ich behaupte gerne, dass ich eine Pistole mitnehme, wenn eine Messerstecherei ansteht. Ein schlechter Witz mit dem ich wohl ausdrücken möchte, dass ich vorsichtig bin und im Voraus plane. Aber der Punkt dieses unpassenden Rahmens ist: In Wahrheit bin ich natürlich unbewaffnet. Und ohne Panzerung.

Am nächsten Tag schickt sie mir ein Zitat aus ihrem Lieblingsbuch „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer. Es würde vielleicht zum Thema passen:

„Schüchternheit bedeutet, den Blick von etwas abzuwenden, das man haben will. Scham bedeutet, den Blick von etwas abzuwenden, das man nicht haben will.“

Die Aussage halte ich für oberflächlichen Bullshit. Das sage ich natürlich nicht. Ich schicke nur eine Liedzeile zurück:

„If you ain’t got love, you ain’t got nothing at all.“
— von Chris Jones, aus dem Song „Ain’t Got Love“

Es dauert 2 Tage bis die Lähmung aus meinen Gesichtsmuskeln und das taube Gefühl in meiner Brust anfangen zu verschwinden. Ich gehe dann wohl mal zu dem Suppenküchen-Bistro. Heile Welt geniessen. Es gibt sie. Und sie ist auch ganz okay, so wie sie ist.

Welcome on Planet Earth.

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___

Off-Story:
Die Wunden der Seele sind wie ein rostiger Nagel, der immer mal wieder „nachgesalzen“ wird. Egal wieviel „make believe“ von Aussen in glitzernden Farben drübergesprüht wird… das Mistding rostet weiter und tut weh. Und irgendwann blättern die Farbschichten dann ab. Die Zeit heilt keine Wunden! Die Zeit macht gar nichts. Es gibt sie nicht mal. Wer auch immer diesen Blödsinn in die Welt gesetzt hat, hat seinen rostigen Nagel auch mit ins Grab und je nach Weltanschauung ins nächste Leben oder das nächste Level mitgenommen.
Die wenigsten Personen suchen von sich aus bewusst diese Art Konfrontation. Für manche liegt es auf dem Weg. Die, die es tun und danach wieder „zu sich“ kommen, sehen sich und die Welt mit anderen Augen. Mit den Augen eines echten Menschen und einem fühlenden Herz.

Deshalb fasziniert mich wohl auch der Kontakt mit Künstlern so sehr. Sie werden gewissermassen dazu gezwungen sich mit sich und solchen Themen auseinanderzusetzen. Einige finden darin dann auch „den Dreh“ und ihre Heilung, der große Rest aber malt weiter Bilder oder fertigt Skulpturen von rostigen Nägeln.

Du bist viel mehr, als was Du glaubst was Du bist.
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[1] Person, Wortherleitung auf Wikipedia

Die Herkunft […] im 13. Jahrhundert als person(e) aus lat. persona „Maske des Schauspielers“ ins Deutsche übernommen wurde. Am bekanntesten ist die Ableitung von lat. per-sonare (kurzes -o-) für „durchtönen“ (nämlich die Stimme durch die Maske).

Siehe dazu auch mein Post „Image-Probleme„.

[2] Alice Miller – Das Drama des begabten Kindes, Amazon

„Das Drama des begabten, das heißt sensiblen, wachen Kindes besteht darin, daß es schon früh Bedürfnisse seiner Eltern spürt und sich ihnen anpaßt, indem es lernt, seine intensivsten, aber unerwünschten Gefühle nicht zu fühlen. Obwohl diese „verpönten“ Gefühle später nicht immer vermieden werden können, bleiben sie doch abgespalten, das heißt: Der vitalste Teil des wahren Selbst wird nicht in die Persönlichkeit integriert. Das führt zu emotionaler Verunsicherung und Verarmung (Selbstverlust), die sich in der Depression ausdrücken oder aber in der Grandiosität abgewehrt werden.“

Auf der Cover-Rückseite einer ur-alten Taschenbuchausgabe steht ein Zitat von Hermann Hesse:

“Wenn ich all die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so wüßte ich kein anderes Wort als: Angst.
Angst war es, Angst und Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinderglücks empfand: Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand.”

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2 Gedanken zu „Alte Muster hinter der Fassade

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