Ich liebe blaue Pferde!

Vor 4 Jahren habe ich mir ein paar billige kleine Leinwände, Acrylfarbe und Pinsel gekauft. Das gab es im Supermarkt im Angebot. Ich wollte ausprobieren meine visuellen Wahrnehmungen, die ich beim Hören von Musik hatte, aufzumalen.
Das Unterfangen war rückblickend recht… ähm… ambitioniert! Musik hat nun mal ein zeitliche Dimension und so war meine Wahrnehmung von ihr eher ein bunter 3D-Animationsfilm als ein statisches 2D-Gemälde. Der Schwierigkeit wurde ich mir erst bewusst, als ich es ausprobierte.
Mit dem Ergebnis war ich dann auch direkt überhaupt nicht zufrieden. Ok, das lag ein kleines Stück weit auch am Material. Die Leinwände waren völlig ok für ein paar erste Versuche, aber die Pinsel waren katastrophal und die Farbe auch nicht so toll.

Ein Bild habe ich mir trotzdem eine Weile in der Wohnung hingestellt, um die Reaktionen der Leute, die es sehen, zu beobachten. Das war sehr spannend. Eine befreundete Malerin, meinte z.B. „Krass, voll aus dem Moment! Das könnte ich nicht.“. Ihre kleine Tochter sah in dem Bild eindeutig eine Palme an einem Strand. Jemand anderes sah einen Vulkan. Ich konnte da nicht widersprechen.
Und so war das immer recht ähnlich… jeder sah irgendwie ein bißchen etwas anderes darin. Die Eine konnte etwas damit anfangen – der Andere eher weniger. Wirkliche „Kritik“ gab es nie.
Das wäre auch nicht weiter schlimm gewesen. Es war mir sogar völlig egal, denn bei dem Bild das ich da gezeigt habe, habe ich einfach aus jeder Tube einen fetten Klecks Farbe auf die Leinwand gemacht und mit einem Rahmenkeil als Spachtel drüber gezogen, um zu sehen, wie die Farbe sich verhält und wirkt. Es war mein „Schmierbild“. Kein Ziel, kein Anspruch, nichts was es darstellen sollte. Das habe ich meinen „Probanden“ dann auch hinterher immer so erzählt und dann war das Entsetzen oft erst richtig groß. „Nein! Das hast Du doch nicht einfach nur hingeschmiert!?!?!“. – Doch.
So ein Experiment geht auch sehr gut im Internet. Ich komme da gleich noch zu.

Später in Berlin habe ich dann überhaupt erst selber viel Kunst gesehen. Keine Ahnung von Kunst und Kunstgeschichte zu haben, kann ein großer Vorteil sein. Kein Lehrbuch, kein Professor und kein Kritiker hat mir vorgeschrieben, was ich als schön zu empfinden hatte oder was Kunst für mich sein darf und was es nicht sein kann. Es war wie 1998, als ich dieses „Napster“ von der Diskette eines Freundes ausprobiert und Jazz für mich entdeckt habe: Diana Krall, Ella Fitzgerald? Kannte ich nicht. Klingt aber schön!

Ich habe viel gesehen was mir gefallen hat und auch sehr viel, was mir nicht gefallen hat. Die riesigen Bilder von Hilma Af Klint im Hamburger Bahnhof z.B. haben mich umgehauen und als ich in den Vitrinen einige Skizzen dazu sah, dachte ich mir, hmm… im Grunde sehen die gar nicht so viel anders oder besonders „besser“ aus, als meine Skizzen.

Von Joseph Beuys und ich glaube auch von Andy Warhol stammt ja die Proklamation, daß im Grunde jeder Mensch ein Künstler ist. Nicht jeder malt oder musiziert, aber der kreative Aspekt, die schöpferische Kraft und der Wunsch nach Entfaltung und Selbstverwirklichung steckt in jedem Menschen. In. Jedem!

Wer sich das nicht eingesteht, nicht erkennt, nicht den Mut hat es auszuprobieren oder wie ich, vielleicht erst mal die eigenen Ergebnisse so richtig doll scheisse findet und glaubt kein Talent zu haben oder es unbedingt haben zu müssen, der ist das, was Julia Cameron („Der Weg des Künstlers“) einen „blockierten Künstler“ nennt.

Diese blockierten Künstler sind mir dann natürlich als Spiegel häufig in zufälligen Kontakten begegnet… als Galeristen, als Eventmanager, als Blogger und natürlich auch als Kunstkritiker! Sie alle schwirren wie Motten um das Licht.

Kunst hat viel mehr mit kindlichem Spielen oder Experimentieren zu tun, als mit geordnetem, verstandesmäßigem Vorgehen. Viel mehr mit dem Herz und dem Bauch, als mit den Augen und dem Verstand. Überhaupt… der Verstand ist ein dummes Arschloch. Ein blöder Troll.

Mein Troll hat damals dazu folgende entlarvende Notiz in sein Tagebuch geschrieben:

„Der Flow mit Farben und Technik ist ziemlich frustrierend. Die Pinsel sind scheiße. Es ist mehr Zufall was auf der Leinwand entsteht. Wäre ja ok, wenn es wenigstens gut aussehen würde. Ggrrrrmpf. Ok, das Gespachtele hat Spaß gemacht.“

Die Instanz die Kunst erschafft – der innere Künstler – ist ein Kind! Von Picasso gibt es dazu ein paar recht aufschlußreiche Aussagen. Zum Beispiel sagte er:

„Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist nur, wie man ein Künstler bleibt, wenn man größer wird.“

… und:

„Als ich so alt war, konnte ich malen wie Raphael. Aber ich brauchte ein Leben lang um so zu malen wie die Kinder.“ (nachdem er eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen besucht hatte)

Warum ist das so? Weil kleine Kinder noch nicht diesen Troll, diesen fiesen Zensor, diesen inneren Kritiker im Kopf haben.

Als ich ungefähr sieben Jahre alt war (~1987) war, habe ich zu Weihnachten eine Spielzeug-Kamera geschenkt bekommen. Eine „Beirette“ (DDR-Produktion) aus Plastik mit grüner Front. Ich weiß noch, daß ich ziemlich fasziniert von dem Ding war.
Die ersten Aufnahmen damit machte ich vom Balkon meiner Großeltern aus und fotografierte das Müllauto und die Müllmänner, wie sie die Aschekübel entleerten. Heute nennt man so etwas Candid Street Photography oder Urban City Life. Meine Mutter fand das allerdings überhaupt nicht cool und befahl empfahl doch lieber etwas Schöneres zu fotografieren. Also echt… Müllmänner… das geht ja gar nicht. Die Fotos, die ich danach gemacht habe, waren definitiv langweiliger, „anständiger“. Ok, ein kleines bißchen kann ich das Entsetzen meiner Mutter heute schon verstehen. Aber hey… dieses Potential!!!

„Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit.“
– Friedrich Schiller

Auch die Liebe ist ein Kind der Freiheit, wie es in einem französischen Volkslied heißt.

Also, merke: Kunst und Liebe = Kinder der Freiheit!

So… wo ist nun das blaue Pferd? Na bei der Queen.

Gemalt hat es Nicole Leidenfrost.

Und jeder Troll mit eigenem Blog und das gesamte Feuilleton scheint genötigt seinen Senf dazuzugeben. Blaues Pferd. Ts. Kinderkunst. PFf. Gräßlich, scheußlich, peinlich. Ja, die Kommentare dazu sind wirklich peinlich.

Ich finde es schade, daß Künstler fast schon gezwungen sind, sich dicke Panzer und eine „Leck mich am Arsch“-Einstellung zuzulegen, um mit ihrer Kunst in der Welt zu bestehen. Oder zu ihr zu stehen.
Es gibt wahrscheinlich Hunderttausende Picassos, Warhols, Beuys‘ und Leidenfrosts da draußen, aber die trauen sich nicht, das zu machen, was sie gerne wöllten und wenn, trauen sie sich nicht es zu zeigen.

Den Troll-Kritikern daher ein ganz herzliches und aufrichtiges: „Fuck you!„.

Setzt euch hin, malt selber mal ein blaues Pferd, oder fotografiert ein Müllauto. Oder irgendein Auto. Wer weiß, vielleicht hat die Frau Leidenfrost womöglich ja Recht, wenn sie sagt, daß Kunst Spaß machen soll. Aber bitte… nur ein kleines Bißchen und bloß nicht zuviel davon auf einmal!

Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte besser machen können. Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der, im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt; und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat…
– Theodore Roosevelt

Die Doppelmoral als Kritiker Kritisierender nehme ich ruhigen Gewissens zu Gunsten dieses Plädoyers für blaue Pferde in Kauf!

Die Welt braucht mehr blaue Pferde. Mehr Kinderkunst.
Grüne Einhörner. Filz und Fettecken. Fotos von Müllautos.

Vor allem aber: Liebe und Freiheit.

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3 Antworten zu Ich liebe blaue Pferde!

  1. mannedante schreibt:

    Vielen Dank. Großer Text. Schön zu lesen und die absolut Wahrhaftig! Das “ Wollen“ und „Wissen“ sind nur bedingt kreativ! M.

  2. ix schreibt:

    ich finde du trivialisierst kunst, wenn du sie auf freude, spass, liebe und freiheit reduzierst. abgesehen davon schützt freiheit natürlich nicht vor kritik und schon gar nicht schützt kunstfreiheit kreatives schaffen (sei es noch so leidenschaftlich) davor, dass manche menschen die arbeit scheusslich finden oder nichts damit anfangen können. das absolut schlimmste ist aber, wenn kunst so schwach ist, dass die künstlerin ihre bedeutung oder intention ihrer arbeiten erklären muss.

    • Martin schreibt:

      Vom Ixperten für Irrelevanz vorgeworfen zu bekommen die Kunst zu trivialisieren ist schon ein ordentliches _Kunststück_.

      Nur in den engen Grenzen des Verstandes kann eine vermeintliche Reduktion auf Liebe, Freiheit, und Freude einer Trivialisierung der Kunst gleichkommen.

      Ich reduziere „die Kunst“ nicht (exklusiv) auf die genannten 3 Aspekte sondern benenne sie als 3 für mich gültige und wichtige Aspekte. Authentizität wäre noch ein weiterer. Die Sachen von der Frau Leidenfrost mögen nicht absolut meinem persönlichen Gusto entsprechen, aber ich nehme sie als authentisch wahr.

      Ich habe auch meine eigenen „blauen Pferde“. Kunst die ich scheusslich oder anstrengend finde. Aber ich beiße mir, wenn es geht auf die Zunge und halte die Klappe.
      Mit bestimmter illustrativer Kunst habe ich z.b. ganz seltsame Schwierigkeiten. Aber es sind ja MEINE Schwierigkeiten und ich gucke mir diese Kunst dann halt einfach nicht an. Guess what? Problem gelöst!

      Kunst ist ein Spiegel! Haste nicht gemerkt, nee?

      Klar gilt die Freiheit für alle und Betrachter, Besucher von Ausstellungen haben natürlich
      auch die Freiheit, etwas scheusslich oder unverständlich zu finden. Das halte ich für sehr wichtig. Nur… in einem persönlichen Kontakt, wird so eine Kritik wohl eher mit etwas mehr diplomatischer Höflichkeit formuliert und einem gewissen Level an Feinfühligkeit vorgebracht werden.

      >das absolut schlimmste ist aber, wenn kunst so schwach ist, dass
      > die künstlerin ihre bedeutung oder intention ihrer arbeiten erklären muss.

      Scheinbar unterhalte ich mich hier mit einem Blinden über die Farben des Regenbogens.

      Wenn Du Kunst erwartest, die „in your face“ ist… dann guckst Du dir am besten ein paar Pornos an. Da sind die Intentionen klar und es muss nichts erklärt werden. Aber wir sind ja bei der anderen… Kunst.
      Woher weisst Du eigentlich, dass das was Du in einem Werk zu erkennen meinst, auch so der Intention und der Wahrnehmung des Künstlers oder der Künstlerin entspricht? …was dann nach deiner Logik ja eine Erklärung überflüssig und das Werk deiner Ansicht nach „stark“ machen würde. Das ist aber holprig. Diesen Film baust Du Dir selber zusammen.

      Ich mag Kunst die „magisch“ und vielschichtig ist. Wäre doch toll, vor einem Werk zu stehen und zu sagen „Herr Ix (oder Frau K.), das ist ja der absolute Hammer… bitte erklären Sie mir mal, was Sie da gemacht haben und worum es da eigentlich geht!“.

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